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Dreißigjähriger Krieg und die PestDie im Jahre 1618 in Prag aufgeloderte und erst 1648 erloschene Flamme des dreißigjährigen Krieges hatte bereits dreizehn Jahre gewütet, ehe unsere Gegend direkt davon berührt wurde. Er hatte sich lediglich durch erhöhte Steuern und sonstige Lasten, wie Lieferung von Fourage, Belästigung durch allerlei zum Werbeplatz ziehendes Gesindel und Durchmärsche von neugeworbenen Truppen bemerkbar gemacht. Aber dann kamen die Nöte und Schrecken dieses Zuges gar bald auch in unsere Gaue. Den herannahenden Schweden ging das Gerücht voraus, dass sie leibhaftige Teufel seien, denen Feuer und Rauch aus dem Mund hervorschlagen. Veranlasst war die alarmierende Nachricht durch das Tabakrauchen der Landsknechte, das bis dahin bei uns vollkommen unbekannt war .
Abbildung 1: (von links) Landsknecht im 17. Jh.; Schlacht im dreißigjährigen Krieg; bayerischer Feldmarschall Graf Tilly; König Gustav Adolf von Schweden Im Jahre 1632 wandte sich der Schwedenkönig Gustav Adolf auf seinem Siegeszug durch Deutschland gegen das Herzogtum Bayern, zu dessen Verteidigung sich Tilly, der Feldherr der katholischen Liga erst am Lech stellte. Doch Gustav Adolf erzwang den Übergang über diesen Fluß, durch die Schlacht bei Rain in der Tilly im Alter von 74 Jahren die tödliche Kugel empfing (15. April 1632). Damit stand dem fremden Eroberer der Weg frei. Nach der Besetzung Augsburgs rückte er in das Herz von Bayern ein, das er furchtbar verheerte. Die wiederholte Bitte Landsbergs die Besatzung der Stadt zu verstärken, blieb fast ohne Erfolg. Das Stadtfähndel war 250 Mann stark und nur noch 50 kriegsgeübte Knechte des Hauptmanns Dami standen zur Verfügung. So zogen die Schweden, ohne Widerstand zu finden, am 4. Mai 1632 unter Oberst Burt erstmals in Landsberg ein. In den Jahren 1632-33 besetzten, beschossen und eroberten bald die Schweden, bald kaiserliche und bayerische Truppen die Stadt und nachdem sich erstere schwere Kontributionen erholt hatten, plünderten sie Stadt noch obendrein auf Bezahlung derselben. In großen Haufen flohen die Bauern des Oberlandes ,denn überall begann nun das entsetzliche Brandschatzen, Plündern und Rauben, ein grausames Schänden, Morden und Brennen. Regelrechte Menschenjagden wurden unter den geflohenen Frauen, Kindern und Greisen veranstaltet. So berichtet uns das Totenbuch von Ludenhausen, dass am 14.2.1634 Georg Huber im Hause Schwabbauer von der Schwedenkugel durchbohrt, Georg Hutter 1634 von den Schweden erschossen und 1634 Michael Stork von denselben erschlagen wurde. Umso schmerzlicher musste dieses allgemeine himmelschreiende Elend berühren, wenn man überlegt, dass nicht nur die schwedischen Feinde allein solches Unglück schufen, sondern dass die kaiserlichen Truppen und kurfürstlich bayerischen Reiter, also die Freunde und Schützer des Landes, ebenso brutal und grausam hausten ; ja von manchen bayerischen Gegenden sagen die Geschichtsschreiber, dass die Kaiserlichen noch mehr gefürchtet waren als die Schweden. In dem von Pfarrer Weichenberger, 1628 angelegten ältesten Kirchenbuch findet sich ein Hinweis auf diese Ereignisse im folgenden Satze: " Im Monat Dezember 1633 ist die Armada des Generalobristen Altringers, auch des Fuggers und des spanischen Obristen Duka de Ulei mit ganzer Ardollery durchpassiert nit ohne großen Schaden des gantzen Oberlands Bairn". Wo auch immer die Soldaten verheerend durchzogen, da ließen sie eine verzweifelte Bevölkerung zurück. Nur Etwas war zwischen Himmel und Erde was den Schritt jener erbarmungslosen Kreaturen auf Freundes und auf Feindes Seite zu hemmen vermochte, etwas Grauenhafteres, Unausweichliches, bei dessen Anblick ihnen das Mark in den Knochen erstarrte und das Mörderherz sein Heil in der Flucht suchte: " die Pest ." Es war am 8. Juli 1628 in Ludenhausen. Ohne Unterlaß läutete die Totenglocke in den steigenden Tag. Es schien als wollte Johann Gebhardt, der langjährige Pulsator, den Strang nicht mehr loslassen, als fürchte er sich auf die Strasse zurück, unter das Volk zu müssen. Er läutete, er läutete, setzte etliche Male aus, um Atem zu schöpfen und läutete von neuem .
Abbildung 2: Pestarzt mit Schutzanzug; Arzt am Bett eines Pestkranken, Venedig 1500; Incision von Bubonen (Pestbeulen), Holzschnitt 1482 (von links) Der Doctor Schnabel von Rom "Kleidung wider den Tod. Anno 1656. Also gehen die Doctores medici daher zu Rom, wann sie die an der Pest erkrankte Person besuchen, sie zu curiren und tragen, sich vor dem Gift zu sichern, ein langes Kleid von gewäxten Tuch. Ihr Angesicht ist verlarvt, für den Augen haben sie grosse crystallene Brillen, vor den Nasen einen langen Schnabel voll wohlriechender Specerey, in der Hände, welche mit Handschuhen wohl versehen ist, eine lange Ruthe und damit deuten sie, was man thun und gebrauchen soll." Draußen auf der Gemaingassen liefen die Leute wirr durcheinander, Bürger und andere von Ummendorf, Hofstetten, Issing, Thainig, Reichling und unbekannter Herkunft, die die Angst hierher getrieben hatte, wo noch kein Pestfeuer brannte. Andere rannten von der Gasse wieder in die Häuser zurück, zu sehen ob der Vater noch da sei, die Mutter die Kinder. Sie riefen sich zu, dass sie flüchten wollten, berieten sich, was sie mitnehmen könnten. An den Dorfausgängen kamen sie ins Geraufe mit den dort aufgestellten Wachen. "Ihr könnt nur für ein paar Tage Essen mitschleppen dann schleicht ihr umher und geht zugrunde." In den Häusern saßen sie herum und belauerten sich, ob einer blaß ist oder verräterische Röte im Gesicht hat, ob ein Geseufze, ein Geängstigtsein aus der Brust kam und warf sich einer heulend auf den Tisch, so setzten sich die anderen gehetzt auf die Bänke an den Wänden. Um die Stunde des Mittags hörten die Menschen, die so in den Häusern saßen, eine kleine Glocke. Die kannten sie wohl. Die trug der Pulsator Johann Gebhardt und läutete sie ohne Unterlaß wenn er vor seinem Pfarrherrn, Johann Weichenberger, den Leib des Herrn zu einem Sterbenden trug. Dies mal ist es die Maria Wielebacherin, ein Kind, das den gewaltigsten Totenreigen anführt . Die Pest ist eine uralte, seit unbekannten Zeiten unter den Völkern verbreitete Seuche. Die bekannteste und furchtbarste war der "schwarze Tod", welcher im 14. Jahrhundert ganz Europa überzog und nach Schätzungen 25 Millionen Opfer forderte. Im 16. Jahrhundert und während der ersten beiden Drittel des 17. Jahrhunderts war kaum ein Jahr vergangen, an dem sie sich da und dort in Europa gezeigt hätte .
Abbildung 3: Die Pest in Europa, Pestkarren mit Pesttoten Die Inkubationsdauer beträgt in der Regel 2-5 Tage . Am häufigsten erfolgt die Infektion durch die äußere Haut (Beulenpest) oder durch Inspiration (Lungenpest). Vor und während der menschlichen Pestepidemie, namentlich der Beulenpest, verläuft in der Regel eine Rattenpest . Nach allen Erfahrungen erscheint der auf den Menschen übergehende Rattenfloh die Hauptinfektionsquelle zu sein. Der Pesterreger ein Stäbchenbakterium mit dem Namen "Pasteurella pestis" wurde 1894 von S. Kitasato und Alexandre Yersin entdeckt. Der Erreger findet sich im Eiter und Auswurf der Kranken. Die Beulenpest Ist nach 2-4 Tagen an Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen zu erkennen. Nach weiteren 1-2 Tagen zeigt sich eine Drüsenerkrankung des Lymphsystems in den Leisten, Achseln oder am Hals. Es bilden sich eitrigen Beulen und Flecken, daher der Name Beulenpest. Durch den Befall der inneren Organe (Lunge) und Ausbreitung über das Blut kann die Beulenpest rasch zum Tode führen. Die Lungenpest Ist an Husten schwarz-blutigen Auswurf und Atemnot zu erkennen. Die Haut verfärbt sich wegen mangelder Sauerstoffzufuhr düsterblau. Daher die Bezeichnung "Schwarzer Tod".
Abbildung 4: Der Pesterreger ein Bakterium ein tausendstel Millimeter groß und sein Überträger der Rattenfloh unterm Mikroskop Die wichtigsten Symptome der Pest sind : Schüttelfrost, Erbrechen, hohes Fieber, hohe Pulszahl, Zungenbelag, taumelnder Gang, lallende Sprache, trockener Husten. Es gibt Fälle wo das Bewußtsein gleich nach den Schüttelfrost schwindet und nicht wiederkehrt. In manchen Fällen bleibt es klar bis zum Tode. Ein merkwürdiges nicht seltenes Vorkommnis ist Unruhe und Wandertrieb. Die älteren Autoren beschreiben mit Vorliebe einen für die Pest charakteristischen Gesichtsausdruck, die facies pestica. Es wird vor allem die Wildheit des Blickes und der Ausdrucks des Schreckens und der Verzweiflung als typisch angegeben . Die Dauer der Pesterkrankung kann ganz kurz sein, nur wenige Stunden betragen, wie bei ganz rapid verlaufenden Fällen (Pestis siderans). Die Berichterstatter alter Epidemien erzählen sogar, dass Leute mitten ihrer Beschäftigung "wie vom Blitz getroffen" gestorben sind. Die Mehrzahl der Fälle stirbt jedoch innerhalb der ersten 8 Tage ; tritt nach 2 Wochen noch tödlicher Ausgang ein, so ist dies meist auf Komplikationen oder Mischinfektionen zurückzuführen . Die Einwohnerzahl Ludenhausens betrug einschließlich dem Weiler Gimmenhausen bei dem Eintritt der Pestzeit rund 254 Seelen. Nicht inbegriffen in diese Zahl sind diejenigen, welche vor dem 8. Juli 1628 in Ludenhausen geboren oder zugewandert sind, aber weder hier geheiratet, noch gestorben sind oder Pate gestanden haben. Von diesen starben in der Zeit vom 8. Juli 1628 bis zum März des nachfolgenden Jahres an der Pest allein 82 Personen , womit schon der Höhepunkt des Wütens erreicht war : "crassabat pestis maxime". Beim Nachlassen der Seuche 1629 sind schon wieder nicht weniger als 10 Trauungen verzeichnet . Aber bald begann das Sterben von neuen. Bis August 1634 sind weitere 47 Todesopfer zu beklagen . Im selben Monat August des Jahres 1634 griff die Pest wiederum um sich, wo Pfarrer Johann Weichenberger der uns die aufschlussreichen Aufzeichnungen hinterließ, selbst erkrankte aber wieder genas : " Ich konnte den Sterbetag der Anna Huber nicht einschreiben", fügt er entschuldigend bei, " weil ich selbst daniederlag ". In dieser letzten Schreckenperiode forderte der Sensenmann nochmals 53 Opfer, so dass sich die Gesamtzahl der Toten auf 82+47+53=182 Tote beläuft eine Mortalität von 83,1 %. Wie bei allen epidemisch auftretenden Infektionskrankheiten ist die Sterblichkeit bei der Pest sehr verschieden. In Ludenhausen hat sie sich im Rahmen der Schätzung von Griesinger bewegt, nämlich 70-90%. Es folgt nun die nach Familienverbänden und alphabetischer Reihenfolge geordnete Liste der einheimischen Verstorbenen:
130. Schwarzwalder Lukas, ", (23.4.1633) Haus Nr. 5
Die zugezogenen Verstorbenen sind: Überlebende laut dokumentarischer Nachweisung:
Weitere nicht als tot gemeldete Angehörige von Familienverbänden i. Lud.
Es gab Tage, wo der Pulsator Gebhardt nicht weniger al 3-4 mal das Zugangsglöcklein zu läuten hatte, so am 15.10.1634 wo aus der Familie Baur von Ludenhausen 3 Personen und außerdem Stork David von Gimmenhausen die Augen für immer verschlossen. Am 21.1.1633 wurde der Familie Sedelmair der Vater und zwei Kinder entrissen. Es mag eine traurige Prozession gewesen sein hinauf zum Leitenberge, wo sie ihre letzte Ruhe fanden. Manchmal hat Weichenberger angegeben, wo sich die Erlösten ihre Ansteckung geholt hatten : beim Großvater (Avus), oder bei der Wache (vigilae). Die kleine Catharina Baur mußte am 25.9.1634 buchstäblich verhungern. Nur ein einziges Wort steht hinter deren Todeseintrag: fame ; aber dieses beleuchtet mit einem Schlag die große Not, welche Krieg und Pest im Gefolge hatten. "Am 9.4.1633 starb auch Balthasar Ludwig, Pfarrer in Ludenhausen ", vermerkt Weichenberger in einer Randnote, " dem ich 4 Jahre lang in Gimmenhausen als Austrag den Zehent gegeben hatte ". Von den großen, kinderreichen Familien sind restlos ausgestorben:
Die Famlie Epp wird noch 1677 im Geburtenregister erwähnt. Monika die letzte des Hauses Khärgl starb im Jahre 1679 in Ludenhausen. Hutter Thomas, der Sohn von Magnus und Ursula verehelichte sich noch 1679 in Ludenhausen und zog dann fort. Aus der Familie Jesenwanger wird im Totenbuch von Ludenhausen im Jahre 1677 ein Witwer namens Georg Jesenwanger noch erwähnt. Ein Sedlmaier Simon starb hier noch 1655. Scheple Wolfgang starb 1646 . Scherer Jakob und Barbara meldeten noch 1643 die Geburt eines Sohnes. Und die Ursula Winterholler wurde erst im Jahre 1714 zu Grabe getragen . Wir neigen uns in Ehrfurcht vor diesen erloschenen Geschlechtern, die nicht aus mangelnder innerer Kraft und gesunder Blutlinie, sondern nur durch das blinde Wüten der Seuche ausgelöscht wurden. Weichenberger folgte im Jahr 1637 seiner alten Pfarrgemeinde ebenfalls ins bessere Jenseits nach : abiit et obiit. - Ihm sei ein ehrenvolles Gedenken an dieser Stelle geweiht, für seine wertvollen Niederschriften, die er in schwerster Zeit gefertigt hat. Wir freuen uns aber, noch 3 Familien in unserer Gemeinde zu haben, die uns trotz aller Stürme und Drangsale, wenn auch nicht in gerader Blutlinie, bis auf den heutigen Tag erhalten blieben: die Familien Schelle, Huber und Stork. In Ludenhausen sind die Kirchenbücher schon vollständig durchgearbeitet und der Entwurf zum Familienbuch fertiggestellt. Wer mit Liebe an seiner Heimat, an seinem Namen und Geschlecht hängt, wird nun in der Lage sein, selbst den Spuren seiner Ahnen forschend nachzugehen und aus der Vergangenheit Kraft für die Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft zu schöpfen. Nach Unterzeichnung des Westfälischen Friedens 1648 war die Not des Volkes noch keineswegs behoben - die Eintreibung von Friedensgeldern und anderer schwerer Abgaben wurde rücksichtslos fortgesetzt - aber allgemach verloren sich doch die schlimmsten Folgen der so unendlich drangsalreichen Zeit des Krieges und der Pestnot und der sprichwörtliche Ludenhauser Wind führte wieder wohltuende Friedensluft mit sich. Abbildung 5: Der westfälische Friede von 1648 (links); Bevölkerungsverluste im dreißigjährigen Krieges (rechts). Neue Geschlechter, die aus Schwaben, Tirol und Elsaß eingewandert waren, machten sich daran, die verwaisten Äcker zu kultivieren und wieder normale Verhältnisse in dem "Gemainwesen" zu schaffen. Wir begegnen nun ganz anderen Namen wie 1638 Weigl, 1644 Schmid, 1648 Walder, 1648 Kaltenmoser, 1649 Harrer usw.. Und rascher als man erwarten sollte, viel eher als in den Städten, erholte sich das Volk auf dem Lande. Freilich, ganz wie ehemals wurde das Dorfleben nimmer. Die neueingewanderten Familien brachte wohl frische Blutzufuhr, aber viele alte Überlieferungen waren abgebrochen, der Heimatforscher beklagt den Verlust alter Sagen, Sitten und Gebräuche, von ehemaligen Haus- und Flurnamen. Auch war die soziale Stellung des Bauern, wie wir in der Wirtschaftsgeschichte ersehen werden ; eine andere geworden. Politisch vollkommen rechtlos, durfte er in allen öffentlichen Angelegenheiten kein Wort mitreden aber, während sich der Adel und er höhere Klerus von den Steuern allmählich freigemacht hatten und der niedere Klerus und Bürger nur schonend herangezogen wurden, wurde der Wehrloseste von Allen, der Bauer, total ausgesaugt. Überhaupt war man der Ansicht, dass der Bauer lediglich so viel brauche, um seinen Unterhalt bestreiten zu können, dass er darüber hinaus etwas erwerben könne, sieht man für schädlich an. Quellen:Chronik der Gemeinde Ludenhausen, Anton Wiedemann (1937) Pest—Seuchengebiete: http://www.gapinfo.de/gesundheitsamt/alle/seuche/infekt/bakt/pest/sg.htm Dreißigjähriger Krieg -- Steffen Lux in Raum und Zeit: http://www.eura.com/steffen/jura/history/dreissigjaehriger%20Krieg.htm |